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AMAZONEN & KÄMPFERISCHE FRAUEN

Es gibt nur wenige Themen, die derart umstritten sind wie die Amazonen. Oder eigentlich sind sie nicht umstritten, denn jeder weiß, daß es keine Amazonen gegeben hat. Nie. Alle griechischen Historiker waren Lügner oder Märchenerzähler, alle Darstellungen fallen in die gleichen Kategorien wie die Gemälde von Renaissancemalern, die Motive der griechischen Mythologie verwendeten. Doch es "ist leicht, eine von Sagen durchsetzte antike Geschichtsschreibung als ´Mythos´ abzuqualifizieren. Es ist leicht, ihr so jeden historischen Kern abzusprechen" (Manfred Hammes). Es wurden aber etliche Städte ausgegraben, deren Existenz ebenso "unbestreitbar mythologisch" war wie die der Amazonen: Mykene und Troja beispielsweise. Es stellt sich nicht die Frage: Dichtung oder Wahrheit, sondern wir wissen, daß es Dichtung und Wahrheit gibt.

Wir kennen Amazonen praktisch nur aus griechischen Berichten, wo sie schlecht wegkommen, immerhin aber als "Erbfeind vom Grund der Jahrhunderte auf" (Bertha Eckstein-Diener alias Sir Galahad) bezeugt werden.

Wer oder was können die Amazonen gewesen sein, wo finden wir ihre Spuren, was gibt es an Indizien für ihre tatsächliche Existenz?

Herkunft und Deutung des Wortes

Fangen wir bei dem Wort an, mit dem verschiedene Völker kämpfender, männerlos lebender Frauen übergreifend bezeichnet wurden: Amazonen. Schon hier zeigt sich, dass es Eindeutigkeit nicht gibt bei diesem Thema. Das Wort kommt zwar aus dem Griechischen, doch seine Herkunft ist ungewiß und ebenso schillernd wie die Geschichten über die damit bezeichneten Frauen.

Bekannt ist die Ableitung von griechisch "amazoi", "die Busenlosen". Die Vorstellung, die Amazonen hätten sich eine Brust abgeschnitten, um besser mit dem Bogen umgehen zu können beruht allerdings auf einem Missverständnis, denn in matriarchalen Gesellschaften war die unverhüllte Brust ein Zeichen der Macht. Gerade Frauen, die im Spannungsfeld von untergehendem Matriarchat und erstarktem Patriarchat lebten, hätten dieses Machtsymbol nicht mutwillig zerstört. Für trainierte Frauen waren ihre Brüste kein größeres Hindernis im Kampf als es für Männer ihre Genitalien waren. Auch auf griechischen Darstellungen zeigen sich keine derartigen Verstümmelungen. Die attischen Frauen bandagierten sich dir Brüste und verwendeten angeblich medizinische Mittel, um sie kleinzuhalten; es kann also sein, dass dieser Brauch von den athenischen Männern auf die Amazonen projiziert worden ist. Aus dem mittelalterlichen Japan ist überliefert, dass den Mädchen die Drüsen durch heiße Eisen verdorrt oder durch Anlegen von Binden beschränkt worden sind; es scheint sich also um eine patriarchale Methode zur Zerstörung weiblicher Machtsymbole zu handeln, vergleichbar der heute noch millionenfach vollzogenen weiblichen Genitalverstümmelung.

Eine weitere mögliche Ableitung ist die von "A-maza", "die ohne Gerstenbrot lebten". Amazonen aßen keine Getreideprodukte und Breie, sondern so nährstoff- und vitaminreiche (und gewöhnungsbedürftige) Dinge wie schäumende Stutenmilch, stürzendes Blut, blutig gebratenes Wildbret, Schilfmark und Honig. Sowohl aus Kleinasien wie aus Nordafrika ist überliefert, dass sie kein Getreide anbauten, sondern sich in erster Linie von Wild ernährten.

Nach einigen Forschungen bedeutet das Wort "Mondfrau", würde also wohl die Priesterinnen oder Verehrerinnen verschiedener Mondgöttinnen meinen. Damit in Verbindung sehe ich die Annahme von Robert von Ranke-Graves, die Legende der Amazonen ginge auf die (allerdings unbewiesene) Existenz bewaffneter Priesterinnenkollegien zurück.

Donald Sobol bezieht das Wort auf die indische Göttin Uma, als Ableitung "Uma-Soona", "Kinder Umas". Amastris, eine Niederlassung am Schwarzen Meer, würde dann "Umas Frauen" (Stri =Frauen) bedeuten.

Er begnügt sich nicht mit einer Deutungsmöglichkeit, sondern schlägt auch eine Ableitung aus dem Phönizischen vor: "Am" = "Mutter", "Azon" oder "Adon" = "Herrin", also "Mutterherrin". Weiters hält er für möglich, dass die Amazonen die Frauen von Ephesus gewesen wären (zumindest vom sprachlichen Ursprung her), die "´das Ernten um der Kriegsführung willen´ aufgegeben haben" (Lyn Webster Wilde), wobei "amao" "ernten" und "zonai" "gegürtet" bedeutet.

Nach einer anderen Ansicht wurden die Amazonen iranisch "hama-jana-" genannt, was "´Tötende´ mit einem verstärkenden Präfix beduetet. Das skythische Wort für die Amazonen, das Herodot bezeugt,..., bedeutet ´Männer-Tötende´ und weist in die gleiche Richtung" (Heike Olschanksy). Sie vermutet, dass dieses Wort bei der Übernahme ins Altgriechische volkstümlich dem ähnlich laufenden "amazoi" für "busenlos" zugeordnet wurde.

Der Hethitologe Friedrich Cornelius hält fest, dass die Silbe "Am" ein auch im Hethitischen belegtes Lallwort für "Frau" und "Mutter" ist und "der Ortsname Azzi ein in der Gegend des Schwarzen Meeres vermutetes Land, "zu einem Wort verschmolzen sind (Amazone: Frau des Landes Azzi)" (Gerhard Pöllauer). In jener Gegend gibt es zahlreiche Ortsnamen mit der Anfangssilbe "Am".

Historische Entwicklung

In erster Linie haben die Griechen die Existenz der Amazonen bezeugt, in Wort und Bild. Dabei haben sie reale Ereignisse, Ausschmückungen und späte mythologische Umformungen derart vermischt, dass wir nicht von den Amazonen sprechen können, ohne dauernd über Göttinnen, Götter, Halbgötter zu stolpern und uns in verschiedenen Versionen derselben Grundgeschichte wiederzufinden. Im Mythos etwa sind sie die Töchter der Harmonia, einer Tochter des Ares und der Aphrodite, und des Ares Dies scheint mir eine späte Erklärung zu sein, dassdas Reich am Schwarzen Meer an anderen Stellen als Teil des skythischen Volkes angesehen wird, außerdem ist die Form der Göttin bereits die Tochter eines untergeordneten Gottes.

Verallgemeinernd können wir die Bronzezeit (ca 1.700 - 800 v.u.Z.) als die hohe Zeit der Amazonen annehmen, doch finden wir auch später noch Hinweise und Erwähnungen. Erstmals werden sie bei Homer erwähnt, der um 750 v.u.Z. über Ereignisse berichtet, die vermutlich um 1.200 v.u.Z. stattfanden, kurz vor dem Fall Mykenes und Kretas. Zwischen den geschilderten Ereignissen und dem Erzähler liegt in der üblichen Geschichtssicht das sogenannte "dunkle Zeitalter", über das wenig bekannt ist. dass die Amazonenkönigin Penthesilea auf der Seite Trojas kämpfte, erwähnte Homer nicht, das taten erst spätere Autoren; deswegen muß es aber nicht falsch sein.

Die Epen Homers zeichnen ein relativ positives Bild des weiblichen Lebens im "Heroischen Zeitalter" vor den dunklen Jahrhunderten. Sie sollten bescheiden sein, waren aber nicht eingesperrt, sondern gingen frei und unabhängig durch die Straßen und hielten sich in den selben Räumen wie Männer auf. Neben anderen werden aus dieser Zeit Andromache, Helena, Klytemnästra, Hekabe, Penelope, Arete genannt, die ein eigenständiges Leben, zumeist als Herrscherin oder Priesterin, führten. Dies sind Frauen eines matriarchalen Zeitalters (in dem die Frauen die spirituelle, politische und wirtschaftliche Macht und Verantwortung für matrilineare, matrilokale Clans, ihre Dörfer, Städte und Länder trugen), die erst einige Generationen zuvor oder sogar zu ihren Lebzeiten von patriarchalisierten Kriegertrupps und Nomadenvölkern erobert, vergewaltigt, eingesperrt worden waren. Durch Tradition und die häufige Abwesenheit ihrer - nicht von ihnen erwählten - Ehemänner konnten diese starken Frauen Reste ihrer Würde und ihrer Rechte bewahren. Klytemnästra ist ein gutes Beispiel dafür: Agamemnon erobert ihr Reich, tötet ihr Kleinkind, zwingt sich ihr als Ehemann und König auf, macht ihr einige Kinder, zieht in einen endlosen Krieg, in dem viele der Söhne ihres Landes verbluten, opfert ihre und seine Tochter für sein Kriegsglück. Doch sie ist ungebrochen und nutzt seine Abwesenheit, um ihre Herrschaft wieder aufzurichten und einen König nach matriarchalem Recht zu wählen, Aigisthos; den heimkehrenden Agamemnon tötet sie. Leider ist ihr Sohn bereits patriarchal verdorben und tötet deswegen seine Mutter.

Wahrscheinlich schlossen sich die Töchter und Enkelinnen solcher Frauen, die sich nicht wie Elektra und Iphigenie den immer rigider werdenden Beschränkungen unterwerfen wollten, den Amazonen an oder gründeten neue Amazonenreiche.

Nach einer alten Überlieferung waren die Amazonen die ersten, die Pferde zähmten. In offenem Gelände haben berittene Truppen einen entscheidenden Vorteil gegenüber Fußsoldaten. Das würde die legendäre Unbesiegbarkeit der Amazonen erklären. Viele Eigennamen enthalten in der Übersetzung ins Griechische Kombinationen mit "hippos", beispielsweise Alkippe, Melanippe, Hippothoe. In ihren Mythen wurde die Göttin oft als Stute verehrt. Diese entsprach der indischen Saranyu, der keltischen Epona und der stutenköpfigen Demeter auf Kreta; Demeter wurde in der Sage als Stute von Poseidon als Hengst vergewaltigt.

Mandy Merch weist darauf hin, dass der weibliche Körper Vorteile beim Reiten bietet, besonders über weite Strecken. Männer, die lange reiten, werden häufig impotent; die erhöhte Reibung und Wärme wirkt sich ungünstig auf die Hoden aus. Auch der Bogen ist günstig für Frauen: er verlangt weniger Muskelkraft als andere Waffen und setzt Ruhe, Konzentration, gute Koordination von Hand und Auge, sichere Einschätzung von Entfernung und Timing voraus.

Pfeil und Bogen werden häufig als Waffen der Amazonen genannt. Diese sind vorteilhafte Jagdwaffen, denn sie töten schnell (besonders, wenn der Pfeil in Gift getaucht wird) und leise; interessant ist, dass dassWort "Schütze" von "schützen" kommt, das wiederum sowohl sich selbst verteidigen als auch andere beschützen bedeuten kann. Ich kann mir gut vorstellen, dass Amazonen ursprünglich Jägerinnen waren, die mit der Zeit ihre Fähigkeiten mit Waffen dazu verwendeten (verwenden mußten), sich und Menschen, die sich ihrem Schutz anvertrauten, zu verteidigen. Mit der Zeit mögen einige Amazonenvölker dazu übergegangen sein, das Wort "Verteidigung" weit auszulegen und Präventivkriege zu führen, wie es von denen am Schwarzen Meer heißt.

Skythische Panzerhemden waren sehr elastisch und praktisch und schränkten die Bewegungsfreiheit nicht ein. Es wurden übrigens keine Defensivwaffen, wie Schild oder Rüstung, in Gräbern von Amazonen gefunden.

Dennoch gibt es Berichte über - oft als halbmondförmig beschriebene - Schilde. Schilde dienten in früheren Zeiten nicht nur dem Schutz, sondern oft auch der Darstellung der eigenen Fähigkeiten und Stärken nach außen. Denn Kampf ist vom Ursprung der Entwicklung her ein Kräftemessen, erfolgte also nur mit gleichwertigen GegnerInnen .

Mehrmals wurden die Amazonen für tot erklärt; so sollen sie nach der Zerstörung Trojas am Ende des 12. Jahrhunderts v.u.Z. untergegangen sein. Jahrhunderte später wird allerdings noch die Amazonenkönigin Thalestris erwähnt, die mit Alexander dem Großen zusammentraf. dasses sicherlich mehrere Stämme gab, wurde vermutlich der Untergang eines Stammes für den aller genommen. Noch 529 v.u.Z., nach dem Sieg der Massageten unter Tomyris über die Perser, sollen die Amazonen, die ihre Waffenschwestern waren, zu einem Eroberungszug gestartet sein, in dessen Verlauf sie das Pontische Reich gegründet hätten.

Zeugnisse

Seit Ende des 7. Jahrhunderts v.u.Z. tauchen Darstellungen von Amazonen auf Vasen und anderen Ziergegenständen auf. Schon in der frühesten Darstellung werden sie sterbend in den Armen eines muskelbepackten Helden gezeigt. In einem etruskischen Grab wurde ein Schminkdöschen gefunden, dessen Deckelgriff zwei Amazonen in Rüstungen darstellt, die eine tote Kämpferin tragen. Die Begeisterung für die Darstellungen von Amazonen in der Kunst (auf Vasen und Friesen) nahm ihren Anfang nach der Schlacht von Marathon 490 v.u.Z. Zumindest sind uns keine früheren Erwähnungen erhalten geblieben.

Oft waren Darstellungen von Amazonen auch Bestandteil von Tempelfriesen, z.B. am Apollontempel in Bassae zwischen 420 und 400 v.u.Z. Hier sind die Frauen groß, tapfer und mutig dargestellt und ebenso würdig wie ihre männlichen Gegner. Offenbar wussten die Griechen, tief in ihrem Inneren, "dass die Frauen eine Macht waren, mit der man rechnen mußte" (Lyn Webster Wilde) - und erfreuten sich daran, sie besiegt zu haben.


Siedlungsgebiete der Amazonen
Wo sollen diese sagenhaften Frauen - "sagenhaft" im doppelten Wortsinn! - gelebt haben, welches waren ihre Siedlungsgebiete?

Nordafrika

Libyen gilt als das älteste bekannte amazonische Kerngebiet. Es umfaßte außer dem heutigen Libyen noch Marokko, Mauretanien, Tunesien und Numidien im Süden und wurde lange Zeit "Amazonien" genannt. In der Sage wanderte Herakles durch dieses Gebiet, das "zu jener Zeit von Amazonen beherrscht" wurde. Nach allen Berichten zu schließen, waren ganz Sinai und Kleinasien um das 13. Jahrhundert v.u.Z. "voll junger Kriegerinnen zu Pferd" (Bertha Eckstein-Diener). Sie wurden als "Frauen ´in goldenen Panzern und mit silbernen Schwertern, die Männer lieben und Knaben schlachten´" (Lyn Webster Wilde) beschrieben. Sie lebten in erster Linie von der Milch und dem Fleisch ihrer Viehherden und bauten kein Getreide an.

Es gab mehrere Stämme. Einer lebte auf einer Insel im Triton-See (nach dem einmündenden Fluß Triton, nahe Äthiopien, an den Atlas stoßend), genannt Hespera: Allerdings hieß Hespera oder Hesperia einfach "Westland", und als solches galt manchmal Sizilien, oft die Kanarischen Inseln - und in der Antike war das "Land im Westen" das Jenseitsland.

Die verschiedenen Stämme bekriegten sich auch gegenseitig; die in matriarchalen Kulturen selbstverständliche Solidarität unter Frauen galt ihnen nur mehr für die Frauen des eigenen Volkes. Die gorgonischen Amazonen wurden von der libyschen besiegt, erholten sich davon und kämpften später unter ihrer Königin Meduse gegen Perseus, der sie besiegte.

Die libyschen Amazonen, die Panzer aus den Häuten von Riesenschlangen trugen, zogen unter ihrer Königin Myrine ostwärts quer durch Nordafrika, "durchschritten nach entsprechenden Vereinbarungen friedlich das nördliche Ägypten und begannen mit einer ´alexandergleichen´ (ein Jahrtausend vor Alexander dem Großen) Eroberung riesiger Gebiete des vorderen Orients und Kleinasiens" (Richard Fester). Sie unterwarfen Syrien und Groß-Phrygien und gründeten viele Städte, die heute noch berühmt sind, wie Smyrna, Paphos und Magnesia. Beim Fluß Kaikos vermischte sich ihre Machtsphäre mit der der Amazonen vom Thermodon.

Myrine gründete das Heiligtum auf der Insel Samothrake ("heilige Insel"), eroberte die Insel Lesbos und gründete die Stadt Mytilene, die sie nach ihrer Schwester benannte. Sie eroberte weitere ägäische Inseln, gelangte nahe an den Machtbereich der Thraker heran und fiel in einer Schlacht gegen die vereinigten Skythen und Thraker, worauf ihrer Reiterinnen nach Nordafrika zurückkehrten.

Es gibt Hinweise darauf, dass dies mehr als Geschichten sind:
Die Bedscha, ein hamitischer Amazonenstamm zwischen Nil und Rotem Meer, werden vom arabischen Schriftsteller Magrizi beschrieben. Es wird berichtet, dass die Frauen der Bedscha herrliche Lanzen herstellten und jede männliche Geburt töteten (Bertha Eckstein-Diener). Letzteres wird auch über die Gager berichtet.

Die libyschen Amazonen hinterließen vom Sinai bis zu den Kanarischen Inseln an der Westküste Afrikas kulturelle Zeugnisse "in einer besonderen Schrift, welche neben der erstaunlichen Ausbreitung der Amazonen auch die Höhe ihrer geistigen Bildung verrät" (Richard Fester). Bei den berberischen und den Tuareg-Stämmen konnten bis in die Gegenwart nur die Frauen lesen und schreiben und waren sie stets die Bewahrerinnen der Kultur. Sowohl die Tuareg, die sich selbst "Amazigh" nennen, als auch die BewohnerInnen der Kanarischen Inseln - wo sich die Tradition kämpferischer Frauen bis in die Zeit der spanischen Konquistatoren erhalten hat - werden von einigen AutorInnen als NachfahrInnen der Amazonenstämme angesehen.

Der griechische Historiker Diodor, der im 1. Jahrhundert v.u.Z. lebte, schilderte die weithin bekannten, prachtvollen Amazonengräber in dieser Gegend. Freilich gilt Diodor als nicht sehr zuverlässiger Berichterstatter, doch andere Amazonenvölker sind schon besser belegt.

Schwarzes Meer

Im Altertum waren mit "Amazonen" fast immer die am Schwarzen Meer gemeint. Sie erlebten ihre kurze Hochblüte um das 16./15. Jahrhundert v.u.Z.

Zwei Königinnen verwalteten gleichzeitig das Reich, die ersten Doppelköniginnen - die die Kaukasusvölker besiegten und den Stützpunkt am Schwarzen Meer anlegten - hießen Marpessa und Lampeto. Manfred Hammes stellt fest, dass es vermutlich richtiger wäre, sie als Heerführerinnen zu bezeichnen, dassvermutlich in erster Linie militärische Überlegungen für dieses Doppelköniginnentum entscheidend waren. "Dies würde sich auch besser in die amazonische Ideologie von der Gleichheit der Frauen untereinander einfügen. Andererseits gab es bestimmte Anlässe, meist repräsentativer Art, bei denen adelige Herkunft und Königswürde von Nutzen sein konnten." (Manfred Hammes)

Das kleinere Heer wurde mit Defensivaufgaben betraut, also der Verteidigung der Hauptstadt Themiskyra und der Thermodonebene, ein größeres war als reine Eroberungstruppe unterwegs. "Der Dienst wurde von den Frauen abwechselnd in beiden Heeren geleistet, wobei sich auch die Anführerinnen immer wieder ablösten." (Manfred Hammes) Zunächst fand dieser Kommandotausch zweimal im Jahr statt; als sich der Aktionsradius über ganz Kleinasien und bis in den Norden Griechenlands ausdehnte, war das Offensivheer bis zu zwei Jahre unterwegs.

Die Zweiteilung der Kriegerinnen und des Kommandos war die einzige Verwaltung dieses Volkes. "Die Amazonen waren ein unverwaltetes Volk. Das konnte nur gut gehen, solange ein hohes Verantwortungsbewusstsein der Einzelnen gegenüber dem Gemeinwesen bestand und solange alle so dachten." Denn "Mutterrecht, so paradox es klingt, hat mit dem Rechtsbegriff im heutigen Sinne kaum etwas zu tun. Das heutige Recht ist eine Entwicklung aus dem Patriarchat. Das Mutterrecht war bestimmt von einem ordnenden Rechtsgefühl der Mütter,... . Dieses ´Recht´ war keinen starren Regeln unterworfen, es dufte und mußte sogar - in unsren Augen - ungerecht sein, konnte zu Entscheidungen führen, die heute so, morgen so ausfielen. Es war Sozial- und Billigkeitsrecht, das die Bedürftigkeit zuerst sah und erst dann den Anspruch." (Manfred Hammes) Bei den Amazonen war dieses Rechtsgefühl bereits weitgehend verlorengegangen und hatte die Form eines festen, wenn auch ungeschriebenen Ehren- und Moralkodex angenommen, am ehesten vergleichbar wahrscheinlich dem Kodex mittelalterlicher Ritter - oder eben anderer Reiter- und Nomadenvölker jener Gegend.

Der Ehrenkodex der Amazonen verlangte Eheverzicht (= Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern, bevorzugt zu Zeugungszwecken), Gehorsam (in militärischer Hinsicht) und Arbeit (= Verdienen des Lebensunterhalts durch Jagd und Raub). Die Ehelosigkeit zeigt, dass der Lebensstil der Amazonen in Reaktion auf die aufkommenden patriarchalen Völker mit ihrer brutalen Unterdrückung der Frauen entstanden waren, denn sie stand im Gegensatz zu den ausgeklügelten Eheformen der matriarchalen Kulturen (Gruppenehe, Besuchsehe, Dienstehe), die soziale Verantwortung und Sinnlichkeit vereinten. "Furcht vor der Herrschaft des Mannes" (Manfred Hammes) ist ein zu harter Begriff; meines Erachtens wollten die Frauen, die den amazonischen Lebensstil wählten, um jeden Preis vermeiden, dass ein Mann aus irgendeinem noch so unwahrscheinlichen Grund sich einbilden könnte, Anspruch auf sie zu haben. Dies basiert noch nicht auf Furcht, wohl aber auf einem "aus der Mitte fallen", das den Menschen der alten Kulturen durch die patriarchalen Eroberer aufgezwungen worden war.

Gerhard Pöllauer nennt als Beweis für die zweigeteilte Verwaltung die Fundlage der Stadt Poliochni auf Lemnos, in der alle Hauptelemente (Platz, Straße, Brunnen) doppelt vorhanden waren und es zwei herausragende Bauten gab, die er den zwei Königinnen zuordnet: die für die Kriegsführung zuständige strategisch günstig auf dem Gipfel, die für die inneren Angelegenheiten im Stadtzentrum.

Sie besiegten die unmittelbaren Nachbarstämme und die Kaukasusvölker (die nicht einmal die gefürchteten Skythen hatten unterwerfen können), weiters die wegen ihrer Grausamkeit gefürchteten albanischen Bergstämme. Die Kaukasuskette wurde von den Steppennomaden als Grenze respektiert. Die Gefahr für Themiskyra kam nie von den südrussischen oder ostasiatischen Reiterstämmen, sondern immer von den Griechen, also aus dem Westen über das Meer.

Die Hauptstadt Themiskyra hieß wie die Landschaft, in der sie lag: ein fruchtbarer Landstrich im Norden Kleinasiens, eine der wenigen größeren Ebenen an der Südküste des Schwarzen Meeres (das noch im 5. Jahrhundert n.u.Z. als "Amazonenmeer" bekannt war). Etliche Flußdurchbrüche sicherten die Fruchtbarkeit, es wurden Buchweizen und Hirse angebaut, wilder Wein, Nuß-, Oliven- und Birnbäume wuchsen, es gab saftige Weiden und zahlreiches Wild. Bedeutend waren die Flüsse Thermodon (heute Terme Cay) und Iris; von deren Mündung verkehrten Schiffe direkt ins Mittelmeer und umgekehrt.

Die Stadt lag offen und ungeschützt in der Küstenebene; im Gegensatz zu den griechischen Städten, die auf erhöhten Plätzen, an Bergketten gelehnt und möglichst mit uneinnehmbaren Naturhäfen ausgestattet waren. Es gab keine Mauern. Da bei den antiken Schriftstellern von Herodot über Apollodoros zu Pausanias immer nur von ihren "Wohnsitzen" die Rede ist, ist nicht bekannt, ob die Amazonen in Häusern, Zelten oder was immer lebten.

Ihr kultisches Zentrum war wohl die Insel Aretias (heute: Giresun) an der Südküste des Schwarzen Meers. Mittelpunkt der Aresverehrung war ein schwarzer heiliger Stein, die Verkörperung der Yoni, des weiblichen Geschlechtsteils - wie die Kaaba in Mekka ursprünglich der Al-lat oder Sheyba geweiht war. Heute kommen auf diese Insel kinderlose türkische Frauen; die Insel war und ist also kontinuierlich ein Platz speziell für Frauen. Ich nehme stark an, dass ursprünglich Artemis verehrt wurde; darauf deutet schon der Name der amazonischen Stadt Themiskyra, der die Silbe "temis" beinhaltet, wie in Ar-temis.

Sie galten im Kampf als bestialisch, sollen nachher aber weitblickende Herrscherinnen gewesen sein, die von den Besiegten verehrt wurden.

Sie bauten Städte, Tempel, Grabmonumente und Handelsplätze. Die Artemis von Ephesos, das berühmteste Kultbild von Kleinasien, gebaut aus Weinstockholz und mit Rubinschnüren behängt, wurde von ihnen errichtet. Sie führten davor Reigen-, Schwert- und Schildtänze auf. Obwohl meist als "Vielbrüstige" bezeichnet, wird diese Artemisstatue vermutlich nicht von Brüsten geziert (die Form stimmt nicht); möglicherweise handelt es sich um die Nachbildung abgeschnittener Penisse von zu ihren Ehren kastrierten Männern. Dies würde sie in die Tradition einiger alter Göttinnen stellen (z.B. Kybele), in deren Dienste Männer nur treten durften, wenn sie freiwillig ihre Männlichkeit aufgaben und sich zur Frau machten. Freilich ist auch Kultschmuck möglich (W. G. Becker und Anton Bammer) - wofür Funde von sehr ähnlich aussehendem, tropfenförmigem Bernsteinschmuck sprechen. Mir fällt auch eine Ähnlichkeit mit den Brustreliefs in Catal Hüyük auf, hinter denen sich Tierköpfe verbergen, die vermutlich Totems darstellten.

Kallimachos beschreibt im 3. Jahrhundert v.u.Z. einen sogenannten "Kriegstanz" der Amazonen in Ephesos:

"Aber es haben dir [Artemis] auch die Amazonen, die schlachten-
Trunkenen, an Ephesos´ Küste einst ein Standbild errichtet
Unter dem Strunk einer Eiche, und Hippo erbaut den Tempel,
Ihn umtanzte sie selber in Waffen, Königin Upis,
Erst mit den Schilden und völlig gerüstet, dann wieder im Kreise
Ordneten sie den breiten Chor, und es tönten die hellen
Flöten fein, damit sie den Boden stampften im Gleichtakt -

Bis zum Bezirk Berekynthien drang das Echo, denn mächtig
Klapperten sie mit den Füßen, darein aber klirrten die Köcher."


Heute wird meist angenommen, die Amazonen wären lesbisch gewesen. Mit ziemlicher Sicherheit wandten sie ihre Zärtlichkeit und ihre Liebesgefühle ihren Mitschwestern zu, das bedeutet jedoch nicht, dass sie Sex mit Männern einzig zur Fortpflanzung betrieben hätten. Ein Indiz, dass Amazonen jedoch auch heterosexuellen Geschlechtsverkehr schätzten, ohne ihre Vorbehalte gegen Männer zu verraten, ist die Antwort der Königin Antianara, überliefert vom byzantinischen Gelehrten Eustathios, auf die Frage, warum ihre männlichen Sklaven verkrüppelt seien: "Die Lahmen vollführen den Liebesakt am besten."

Außer den Königinnen, die gegen Herakles kämpften, werden mehrere Kriegerinnen mit Namen genannt: Aelia ("Wirbelwind"), Philippis, Prothoe, Eriboia, Elaeno, Eurybia, Phoebe, Deianera, Asteria, Marpe, Tekmessa, Alkippe. Dabei handelte es sich um die griechischen Formen ihrer Namen, die vermutlich skythisch oder zumindest dem Skythischen verwandt waren.

Ihre Kleidung bestand aus langen, engen Beinkleidern und Joppe, wichen, hohen Stiefeln ("Russenstiefeln"), manchmal einem Cape. Später kam ein längeres Pelzgewand dazu. Doppelaxt und Schild waren ihre Waffen, die Lanze übernahmen sie erst später von den Griechen.

Eine wichtige Rolle spielte der Gürtel. Er war ein Wehrgehänge aus Gold und Kristall und ein "skythisches Königsinsignum für Herrschaft,..., in intimerer Form Jungfrauensymbol für Freiheit des sich selbst" (Bertha Eckstein-Diener). Der Gürtel war "eine Art Schlange, die aus Stoff, Leder und Metall gefertigt..., ein Symbol sexueller Energie, kanalisiert und in zivilisierten Schranken gehalten" (Lyn Webster Wilde).

Dies war ein wichtiges Symbol, denn gelebte Sexualität hatte und hat in matriarchalen Kulturen einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Befriedigte sexuelle Triebe gelten beispielsweise bei den Luapula in Afrika als Voraussetzung für Gesundheit, Frieden und Kultur. Daher haben die Menschen dort häufig mehrere Partner oder Partnerinnen gleichzeitig, wobei Besuchsehe betrieben wird.

"Jungfräulich" bedeutet in der Antike "gattenlos", "männerfrei" und nicht etwa "keusch" oder "unberührt". Den Gürtel der Amazonen-Königin zu stehlen, bedeutete nichts anderes als ihre Entthronung und Vergewaltigung.

Im Mythos heißt es, Herakles sei (allein oder zusammen mit Theseus) ins Land der Amazonen gerudert. Die ungeschützte Hauptstadt wurde überrannt und ausgeplündert, Königin Hippolythe von Herakles und ihre Schwester Antiope von Theseus entführt. Die dritte Schwester, Oreithyia/Orithya, ebenfalls Königin und "Befehlshaberin des Heeres an den Grenzen des Reiches (Richard Fester) jagte sofort zurück, konnte die Plünderer und Schänder aber nicht mehr fassen. Das Amazonenheer überquerte den Bosporus nach Süden, überrannte alle Widerstände, besetzte Athen und schloß die Akropolis ein. Das Reiterheer war aber gegen die Burg auf dem steil abfallenden Felsen machtlos; es kam zu langen, blutigen Kämpfen, einem Friedensschluß und Abzug der Amazonen.

In einer anderen Version hieß die Königin Melanippe und gab sich geschlagen, nachdem Herakles (und sein Heer, nehme ich an) alle ihre Kriegerinnen erschlagen hatte. "In der Geschichte ließ Herakles Melanippe im Tausch für ihren Gürtel am Leben; mit anderen Worten, er vergewaltigte sie in dem Wissen, dass das für sie demütigender als der Tod war. Antiope, eine Amazonenprinzessin, machte er Theseus zum Geschenk als Dank dafür, dass er ihn bei dem Abenteuer begleitet und unterstützt hatte." (Lyn Webster Wilde)

Der Grieche Tiamides macahte sich auf, seine Schiffskameraden von de Gegenwehr der Kriegerinnen zu benachrichtigten. Die Amazone Pantariste folgte ihm und tötete ihn mit bloßen Händen, bevor er sein Ziel erreichte.

Bei den Rüstungsvorbereitungen stellte Oreithyia fest, "dass die Zahl ihrer Kriegerinnen nicht ausreichte, um den mächtigen Stadtstaat zu besiegen. Verstärkung erhoffte sie sich vom Skythenkönig Sagylos" (Manfred Hammes). Da entweder eine gemeinsame Abstammung oder ein Bündnis zwischen ihnen bestand, war dies für Sagylos eine selbstverständliche Verpflichtung. Andererseits könnte dies auch eine propagandistische Ausschmückung der Athener sein, um ihren Sieg zu vergrößern; die Skythen galten als harte, unbesiegbare Gegner.

Theseus schaffte es (zumindest wurde ihm diese Leistung propagandistisch zugeschrieben) -, die von ihm entführte oder ihm zum Geschenk gemachte Antiope zur gefügigen Gattin zu zähmen und sogar so weit zu bringen, "dass sie schließlich an seiner Seite gegen das unter dem Oberbefehl der Amazonenkönigin Oreithyia stehende Heer kämpfte, das zum Zwecke ihrer Befreiung bis vor die Tore Athens vorgedrungen war. Natürlich wurde sie von der Heerführerin Molpadia für diesen Verrat mit einem Speerwurf getötet." (Hilde Schmölzer) Wenn daran etwas wahres ist - mit welchen Methoden hat Theseus wohl gearbeitet?

Athen war damals noch keine Stadt, wie wir sie uns vorstellen, sondern mehrere locker miteinander verbundene Stadtgemeinden, die an den Südabhängen der Hügel lagen. Es gab keine geschlossene Befestigungsanlagen. So stießen die Amazonen ohne große Schwierigkeiten in die Nähe der Akropolis vor. Der Großteil der BewohnerInnen hatte sich in die befestigte Akropolis geflüchtet, die übrigen in die Berge. Belagerung und Erstürmung war eine den Amazonen unbekannte Taktik. Die Akropolis war nach Süden, Osten und Norden durch teilweise senkrecht abfallende Felswände geschützt, kleinere Felsvorsprünge waren abgeschrofft worden, größere durch Mauern gesichert. Dadurch konnten sich die AthenerInnen mit nur wenigen Kriegern verteidigen. Jahrhundertelang war die Akropolis eine uneinnehmbare Festung gewesen; von den Persern eingenommen nur durch Verrat.

Auf der gegenüberliegenden Anhöhe setzten sich die Amazonen fest. Davor brachten sie dem Ares - als dessen Töchter sie sich in einigen Geschichten betrachteten - Opfer dar, wonach der Hügel benannte wurde, "Areopag". Diese Besetzung des "Aresfelsens" wurde erstmals 458 v.u.Z. erwähnte, und zwar von Aischylos in seinem Drama "Die Eumeniden". Die Amazonen versuchten, die Athener auszuhungern, doch dies gelang nicht. Nach einer langen Zeit der Langeweile griffen die Athener völlig überraschend an, und zwar von Süden und Südosten her. Die Schlacht verlief unbefriedigend; trotz gegenteiliger Behauptungen späterer Dichter war es kein Sieg der Athener, wenngleich sie auch nicht verloren.

Es kam vermutlich zu einem Friedensschluß; die Amazonen bleiben bis zum Abschluß der Trauerfeiern in Athen und kehrten anschließend unbehelligt nach Hause zurück, dafür verpflichteten sich die Athener, die Amazonengräber wie die ihrer eigenen Krieger zu ehren. Seitdem wurde regelmäßig vor dem Theseus-Fest den Amazonen ein Opfer dargebracht. Dies diente allerdings nicht deren, sondern der eigenen Ehrung.

Der Rückzug der Amazonen führte über Megara, die Ufer des Haimon nach Chaironeia nach Thessalien. Oreithyia soll auf dem Rückweg in Thrakien gestorben sein.

Die Griechen überhöhten die Amazonen, um so ihre Frauen besser zu unterdrücken: "Nach dem Abzug der Amazonen wurde offensichtlich, dass die Vergottung der besiegten Frauen nichts anderem diente, als der Stärkung der Position des Mannes. Der Athenerin wurde die Vorrangstellung ihres Gatten bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor Augen geführt. Zwar hatten auch die Amazonen ihre Gedenkstätten in Athen, doch wer wollte deren Grabstellen mit der Siegeshalle des Theseus vergleichen. Das Amazonenfest feierte man als Auftakt zum Theseusfest, alljährliche Erinnerung an die Niederlage der Frau." (Manfred Hammes)

Das zeigt, dass sie noch Erinnerungen an frühere, matriarchale Zeiten hatten und diese Erinnerung übertünchen mußten. Die Römer hingegen wußten nichts mehr von Matriarchaten, sie verbanden mit dem Wort Amazone Dinge wie Mut, Tapferkeit, Eroberung, die sie zu schätzen wußten. "Als Commodus seinem Vater Mark Aurel als römischer Kaiser nachfolgte, ehrte man ihn auf eine in Athen undenkbare Weise als Herrn der Welt. ´Du bist der erste unter den Fürsten, überall ist das Glück deinen Waffen hold, dein Ruhm kommt dem der Amazonen gleich!´" (Manfred Hammes)

Der Nimbus der Unbesiegbarkeit der Amazonen war jedenfalls verloren, und sie erhielten sich nur ihren Haß gegen alle Griechen. Generationen später kamen die Amazonen unter Penthesilea den Trojanern zu Hilfe (was immerhin belegt, dass ihre Niederlage nicht vernichtend gewesen sein kann), obwohl Priamos selbst einst die Amazonen bekämpft hatte. Er hatte in jungen Jahren mit den Königen von Phrygien den Zug der Amazonen nach Westen am Sangarios gestoppt.

Penthesilea, gerade 20 Jahre alt, hatte durch Fahrlässigkeit den Tod ihrer Schwester Hippolyte verursacht, und dieser Einsatz für Troja stellte die Sühne dafür dar. Im Kampf trug sie goldene Beinschienen, einen Harnisch, ein großes Schwert, "dessen Scheide mit Silber und Elfenbein kunstvoll ausgelegt war" (Manfred Hammes), einen Helm mit goldenem Helmbusch, Pfeil und Bogen im goldenen Köcher, zwei Wurfspieße. Auf einem Gemälde im Heiligtum von Delphi wird Penthesilea mit Bogen und einem Pantherfell über den Schultern gezeigt, wie sie - so berichtet Manfred Hammes - Paris, der sie offenbar durch Händeklatschen zu sich rufen möchte übersieht.

Um den Tod der Penthesilea am toten Achill zu rächen, versuchte ein Trupp Amazonen, sein Heiligtum auf der Mondinsel Leuke im Schwarzen Meer (der Donaumündung gegenüber) zu zerstören. Doch auch dies mißlang, und nach vier großen Kriegen verschwanden die Amazonen wieder im Skythenland. Die letzte bekannte Königin ist Thalestris. Angeblich wollte sie mit Alexander dem Großen eine Tochter zeugen, weshalb sie 13 Tage mit ihm verbrachte (sie liebten sich und jagten Löwen); allerdings starb sie bald darauf.

Es ist umstritten, ob die Amazonen Teil des skythischen Volkes waren oder nicht. An sich waren die Skythen in historischer Zeit bereits männerbeherrscht, doch ist zumindest eine Anführerin eines skythischen Heeres überliefert, Zarina. Bekannt ist, dass es immer wieder zu Verbindungen zwischen "Amazonen und Skythenjünglingen, die von den schönen Kriegerinnen nicht lassen wollten und ihnen nachzogen" (Bertha Eckstein-Diener) kam.

Eine Sage erzählt von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Amazonen und Skythen; schließlich waren die Amazonen bereit, sich mit den Männern niederzulassen, nicht aber, deren Sitten anzunehmen. Die neuen Paare überschritten den Fluß Tanias (Don) und zogen mehrere Tagesreisen weit, um sich anzusiedeln. Herodot erzählt die Geschichte anders, nämlich dass die Amazonen sich den Skythen unterworfen hätten.

Wie auch immer es zu diesen Verbindungen kam, deren Nachkommen, die Sarmaten oder Sauromaten jenseits des Don, behielten teilweise amazonische Gesetze. So durfte eine Frau erst heiraten, wenn sie drei männliche Feinde getötet hatte. Die Sarmaten wurden als "von Frauen beherrscht" bezeichnet; ihre Verwandten, die Massageten, besiegten unter ihrer Königin Tomyris sogar den Perserkönig Cyrus. Ähnliches wurde auch über die Sigynnen berichtet, ein iranisches Volk an der Donau. 1760 v.u.Z. eroberte die Amazonenkönigin Eurypyle die Hauptstadt des Amoriterreichs. Verschiedene antike Schriftsteller vermuteten in unterschiedlichen Völkern, z.B. den skythischen Frauen, in den Kimmeriern, "die im 7. Jh. vor Ch. in Kleinasien eingefallen waren und das Phryger- und Lyderreich zerstört hatten" (Gerhard Pöllauer) und in den Frauen der Goten die ehemaligen Amazonen. Vermutlich bedeutet das nur, dass diese Völker eine hohe Stellung der Frauen und deren Kampffähigkeit beibehalten hatten. Bei den germanischen Stämmen brachten die Männer eine Mitgift in die Ehe, und zwar Rüstung und Waffen für die Frau.

Im Gebiet des Schwarzen Meers häufen sich, wie Gerhard Pöllauer berichtet, Ortsnamen mit der Anfangssilbe "Am", "Frau" oder "Mutter", etwa Amasia, Amisos, Amasris. Ein Vertrag des Hethiterkönigs Suppiluliuma und einem Fürsten des Landes Azzi über dessen Heirat mit einer Schwester des Hethiters beinhaltet einen Passus, er auf matriarchale Ehebräuche eingeht.

Funde in Dündartepe in der Türkei eigen zwei Siedlungen, eine am Gipfel, eine am Hügelabhang, wo Frauen und Männer offenbar in Geschlechtertrennung lebten, und zwar die Frauen am Gipfel, Kunst- und Kriegshandwerk betreibend, die Männer am Hang; "in dienender Position", wie Gerhard Pöllauer es formuliert, doch das glaube ich nicht. Ein separates Leben bedeutet erst einmal nichts weiter als eben das: separiert. Über- und Unterordnung sind möglich, aber gerade bei einer solchen räumlichen Trennung eher unwahrscheinlich.

Zahlreiche Gräber bewaffneter Frauen wurden gefunden. Mitte der Achtzigerjahre wurde in der Ukraine ein Gräberfeld entdeckt, das um ein Königsgrab gruppiert war. In ca jedem zweiten der etwa 80 Hügel war eine bewaffnete Frau begraben. 1997 wurden in der Nähe weitere Gräber bewaffneter Frauen gefunden - und Männer, die ohne Beigaben, aber mit einem Kind im Arm bestattet wurden. Was das zu bedeuten hatte, ist noch völlig unklar. In Georgien (dem früheren Kolchis) existiert das älteste dokumentierte "Amazonengrab", aus dem 2. Jahrtausend v.u.Z.

Die Frauen waren mit Waffen, Spiegel, Schleudern, Webstuhlgewichten bestattet worden - und eine mit einem jungen Mann. Die Grabbeigaben - außer Lanzen, Wurfspießen, Bögen, Werkzeug zum Schärfen der Waffen und einem Schwert auch Kosmetikartikel, Bronzespiegel, ein Alabastergefäß für aromatische Öle und Schmuck (manchmal wurde mit mit einer Frau auch ihr Neugeborenes begraben) - legen den Schluß nahe, dass es sich "um ganz normale Frauen" (und auch sehr vielseitige) gehandelt hat, "für die Beteiligung am Kampf eben zum Alltag gehörte" (Hilde Schmölzer).

Verschiedene Berichte und Funde sprechen von frauendominierten Gesellschaften über die Jahrtausende in diesem Einflussgebiet:

Auf der Insel Lemnos in der Nordägäis lebten der Sage nach männerlose, kampferfahrene Frauen mit einer Königin. Die Insel "galt bei den alten Griechen als die von Frauen beherrschte Insel" (Gerhard Pöllauer). In der Argonautensage nehmen die Frauen von Lemnos die Griechen gastfreundlich auf. Ausgrabungen belegen, dass hier im 3. Jahrtausend v.u.Z. eine hochentwickelte Kultur existierte, mit Städten und Heiligtümern; die Hauptorte waren Poliochni, Myrina und Hephaistos.

Nach chinesischen Berichten aus dem Jahr 634 v.u.Z. gab es im "präantiken Kerngebiet skythischer Amazonen, nämlich um den Kaspisee herum" (Richard Fester) intakte Amazonenstaaten. So gab es ein Fürstinnentum Po-mo, von einer über ihr Land hinaus bekannten und gefürchteten Königin regiert, die über eine außerordentliche Treffsicherheit mit der Steinschleuder verfügte. Diese Staaten sollen sich bis ins Jahr 1000 n.u.Z. gehalten haben.

Auch in nachchristlicher Zeit haben sich Amazonenvölker oder zumindest deren Nachfahrinnen halten können. So bewahrten in den Ländern um das Schwarze Meer die Frauen bis ins 10. Jahrhundert verschiedene amazonische Sitten: die gleiche Kleidung wie die Männer, das Reiten rittlings auf dem Pferderücken, das Kämpfen Seite an Seite mit den Männern im Krieg.

Ein christlicher Erzbischof hörte von einem Heer von Kriegerinnen, die gegen die Moskowiter kämpften. Dazu paßt ein von Bertha Eckstein-Diener wiedergegebener Bericht eines spanisch-arabischen Juden, wonach im Osten des Landes "Rus" ziemlich lange ein weiblicher Staat überlebt haben soll, in dem angeblich alle männlichen Geburten vernichtet wurden. Ähnliches berichtet Gerhard Pöllauer über ein Land westlich der Russen; vielleicht handelte es sich ja um das selbe, das nur unterschiedlich überliefert wurde.

Ein Fürst von Georgien erzählte einem Reisenden von einem großen Volk im Norden, das von Frauen zu Pferd beherrscht werde und gegen die Tataren und Kalmücken kämpfe. Lebend wurde eine solche Kriegerin nie gefangen, nur tot wurden sie aufgefunden, bekleidet mit einem beweglichen und anschmiegsamen Küraß aus Stahlplättchen, Helm, kurzem Rock aus Purpurserge, weichen, hohen Russenstiefeln, mit Sternen bestickt. Die Pfeile waren vergoldet und mit feiner Stahlspitze, doch breit wie eine Schere.

Im 15. Jahrhundert erfuhr Ruy Gonzales de Clavijo am Hof des Timur Lenk von einem Frauenreich, das 15 Tagreisen von Samarkand in Richtung China lag. Die Frauen lebten ohne Männer, zogen nur einmal im Jahr in die nächstgelegenen Siedlungen und suchten sich einen Mann aus, den sie nach erfolgter Schwängerung zurückschickten. Töchter behielten sie, Söhne schickten sie den Vätern. Sie unterstanden allerdings bereits Timur Lenk und waren griechisch-orthodox (zumindest wird das über sie behauptet; die Wahrheit kennen wir nicht).

Aus dem Indien des 8. Jahrhunderts wird berichtet, dass König Lalitaditya von Kaschmir auf seinen Kriegszügen in ein Amazonenreich gekommen sei.

Ende des 19. Jahrhunderts "hatte Essad Bey im Gebiet zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus zwei bisher unbekannte Stämme entdeckt, das ´Volk der Jungfrauen´ und das ´Volk der blauäugigen Osseten´" (Manfred Hammes). Die Verwandtschaft mit den Skythen gilt als unbestreitbar, die mit den Amazonen wird angenommen.

Südamerika

Es gab eine dritte Gruppe von Amazonen, die im allgemeinen nicht bekannt ist, obwohl sogar ein mächtiger Fluß nach ihnen benannt wurde. Es handelt sich um die Amazonen in Südamerika, genauer gesagt, Kriegerinnen und Zeugnisse "von rein weiblichen Städte- und Reichsbildungen" (Heide Göttner-Abendroth). Der Amazonasstrom ist nach den Begegnungen der spanischen Konquistadoren mit Amazonen benannt ("Rio las Amazonas", "Fluß der Amazonen") ; die Spanier berichteten darüber.

Nach der Zerstörung des Inka-Reiches zogen die Pizarro-Brüder los, das Goldland am "sagenhaften, großen Strom im Osten zu erforschen". Entdeckt wurde er vom Offizier Orellana, nach dem er ursprünglich benannt werden sollte. 1542 erreichte Orellana den Strom und stieß auf Siedlungen mit Hoheitstafeln, auf denen eine ummauerte Stadt dargestellt war, das Emblem der Herrin der BewohnerInnen, die "über das Land der Amazonen" gebiete, "das nördlich vom Strom im Inland liege" (Heide Göttner-Abendroth). Die Spanier kamen noch zu mehreren solchen Städten, und am 24. Juni 1542 kam es zu einer Schlacht mit den Indianern am Stromufer und den Amazonen, denen sie tributpflichtig waren. Erst nach hartem Gefecht konnten die Spanier sieben oder acht der kämpfenden Frauen töten, worauf die Indianer den Mut verloren und besiegt wurden.

Nach indianischen Berichten lebten die Amazonen sieben Tagesreisen nördlich vom Strom, ihre Königin hieß Conori, und der indianische Berichterstatterkannte selbst 70 Amazonensiedlungen, alles Städte aus Stein mit Straßen und Toren. Wenn die Amazonen Lust dazu hatten, erklärten sie einem Nachbarstamm den Krieg, holten nach dem Sieg die Männer in ihre Städte und behielten sie, bis sie schwanger waren. Dann schickten sie sie mit Geschenken heim. Söhne wurden getötet oder zu ihren Vätern geschickt, Töchter zu Kriegerinnen erzogen. Alle umliegenden Provinzen waren den Amazonen untertan. Männer könnten die Städte besuchen, müssten sie aber bei Sonnenuntergang verlassen.

Soweit man weiß, hat kein weißer Mann je eine Amazonenstadt betreten.

Es gibt auch die Behauptung, dass es sich nicht um Frauen, sondern um langhaarige Männer gehandelt habe. Allerdings glaube ich schon, dass die Spanier imstande waren, zwischen langhaarigen Frauen und langhaarigen Männern zu unterscheiden, insbesondere, da die Haartracht in Europa zu dieser Zeit selbst nicht immer kurzgeschoren war. Außerdem gibt es Berichte aus späteren Zeiten, die für den Wahrheitsgehalt der Berichte von Kriegerinnen und weiblicher Herrschaft über andere Stämme sprechen.

1580 bereiste Walter Raleigh die Küste von Guyana und hörte von einem wohlhabenden Amazonenreich im Gebiet der Amazonasmündung. In diesem Gebiet wurde erst kürzlich eine sehr alte städtische Kultur (mit Maisanbau, hochstehender Keramik, großen Sippenhäusern, Göttinfiguren) entdeckt, berichtet Heide Göttner-Abendroth.

1639 und 1744/45 hörten Expeditionen von Amazonen "auf hohen Bergen..., wo die Stürme nie aufhören" bzw. "dass die Amazonen nach den Eroberungszügen der weißen Männer ihre Wohnsitze noch weiter in die unzugänglichen Berge am Rio Negro und an der Quelle des Orinoko verlegt hätten" (Heide Göttner-Abendroth).

Im 19. Jahrhundert gab es nur noch Sagen über sie.

Es scheint ziemlich klar, dass sich die Amazonen aus ihrem einst großen und mächtigen Reich (oder ihren Reichen, es kann ja mehrere gegeben haben) vor den vordrängenden weißen Eroberern in immer unwegsamere Gebiete zurückzogen - bis sie schließlich ausstarben.

Der Deutsche von Puttmaker photographierte "im brasilianischen Dschungel drei Höhlen, die nur die Indianer kannten, die mit eindeutigen Zeichen der im 16. Jahrhundert von Orellana beschriebenen Amazonen geschmückt waren" (Pierre Samuel).

Weitere mögliche Amazonengebiete

Eine weitere Geschichte handelt von der Insel Matenino nahe Trinidad, wo es ein kleines, unabhängiges Amazonenreich gegeben haben soll. "Dorthin zogen Frauen ohne Männer und lebten als waffenkundige Kriegerinnen in großem Reichtum. Sie hatten schöne Gewänder und prächtige Rüstungen." (Heide Göttner-Abendroth)

Hernando Cortez berichtete von Überlieferungen über die Insel Cagueta, eine reiche "Fraueninsel" vergleichbar Matenino. Aus Guayana stammt die Geschichte über eine "Insel der Frauen" nahe Trinidad, "die reich an Tabak ist" (Pierre Samuel).

Sagenhafter ist die Geschichte von der Amazonenkönigin Kalifa, die Zsuzsanna Budapest wiedergibt. Es geht um eine amazonische Gemeinschaft in der Gegend von Niederkalifornien (auf einer Halbinsel an der Westküste Mexikos). Kalifa und ihre Schwester und Mit-Königin (das Doppelköniginnentum scheint typisch für Amazonenvölker zu sein, was einen wahren Kern dieser Geschichte spricht) lebten in Frieden und Wohlstand. Sie trainierten fliegende Berglöwen (es handelt sich immerhin um eine Sage!), jeden Mann zu zerreißen, der auf ihrer Insel landete. Kalifa wollte Abenteuer erleben und reiste um die halbe Welt, um die Heiden gegen die Christen zu unterstützen. In der Türkei kämpften sie gegen christliche Kreuzfahrer. Während einer Schlacht wurden sie und ihre Gefährtinnen gefangengenommen und mußten - eine große Schande - ihre Überwinder heiraten. Sie erzählten den Ehemännern von dem vielen Gold in ihrer Heimat, diese wurden von Gier gepackt und schifften sich ein - und kamen nie mehr zurück. Die Schwestern kehrten, klüger geworden, nach Hause zurück und suchten keine Abenteuer mehr. Nach Kalifa soll Kalifornien benannt sein.

Deutungs- und Erklärungsversuche

Es gibt verschiedene Meinungen, ob es tatsächlich Amazonen gegeben habe oder nicht. Die Mythen sind vieldeutig und nicht immer leicht zu verstehen; Berichte von Reisenden können wahr sein oder auch nicht. Viele Autoren von Homer bis heute haben an den Texten gearbeitet, sie verändert, Elemente ausgetauscht.

Pierre Samuel klassifiziert die bestehenden Erklärungsversuche in vier Kategorien, nämlich die psychiatrische Theorie (wonach der Amazonenmythos als eine Phantasie in der Sozialpsychologie der Griechen wurzelt), die Allegorische Theorie (z.B. Symbolisierung des Gegensatzes Sonne - Mond im Kampf des Sonnenheros Herakles gegen die Amazonen als Mondpriesterinnen), die verschoben realistische Theorie (nach der die Berichte auf historische Fakten beruhen, aber verändert wurden, wie die Erklärung als waffentragende Priesterinnen) und die realistische Erklärung, welche die tatsächliche Existenz solcher Frauengemeinschaften annimmt.
Er selbst bevorzugt die verschoben realistische Theorie und ist der Meinung, dass um 1.200 v.u.Z. kriegerische Völker von Westen, später von Norden das hethitische Reich bedrohten, während der Großteil von dessen Truppen gegen die Assyrer kämpfte. Organisiert von Priesterinnen, kämpften daher die hethitischen Frauen gegen die Angreifer und legten so den Grundstein zu den Amazonensagen in der Ilias und in den Geschichten um Herakles.

Robert von Ranke-Graves bringt ebenfalls eine solche verschobene Theorie und erklärt diese Mythen mit der früheren Existenz bewaffneter Priesterinnen-Kollegien in Athen und anderen Städten Griechenlands. Auch Adolf Holm meint, die Amazonen könnten eine "´poetische Transformation der Priesterinnen der Göttin Ma in Komana in Pontos sein, deren Kriegstänze Anlass für Geschichten von einem Frauenstamm waren, der kriegerische Übungen abhielt.´" (zit nach Lyn Webster Wilde) Es gibt allerdings keine Belege für bewaffnete Priesterinnen.

W. Leonhard sieht in der Amazonensage eine Erinnerung an das Volk der Hethiter, denn die männlichen Hethiter hätten versucht, ihr Aussehen weiblich zu gestalten, nämlich bartlos, lange Haare, Ohrgehänge - was ja noch nicht weiblich ist; diese Annahme gilt aber bereits als widerlegt.

Lewis H. Morgan hält die Amazonensage für eine Reflexion der Griechen, "die sich bereits auf einer höheren Kulturstufe befanden", auf den Kontakt "mit urgeschichtlichen Gegebenheiten matriarchaler Ordnung" (Gerhard Pöllauer). - Einen Kommentar zu der "höheren Ordnung" der Griechen verkneife ich mir.

Mandy Merch meint, dass die Amazonen "schlicht eine Erfindung der neuen mächtigen Patriarchen waren", denn sie "´werden im Mythos nicht als unabhängige Macht dargestellt, sondern als die besiegten Gegner von Helden, denen die Errichtung und der Schutz des attischen Staats zugeschrieben wurde´". Weiters nimmt sie an, dass der Amazonenmythos die Spannung zwischen dem attischen Staat und seinen weiblichen, extrem unterdrückten Bürgern ausdrückte und zugleich auflöste, "´indem er eine solche Rebellion als bereits durch eine verdiente Niederlage beendet darstellte´" (zit nach Lyn Webster Wilde). Ich glaube allerdings nicht, dass diese besiegten Gegnerinnen völlig frei erfunden waren. Auch die IndianerInnen gab und gibt es wirklich, obwohl wir sie nur als besiegte Gegner der Weißen kennen.

Wahrscheinlich waren die Amazonen nicht ganz so unbesiegbar, wie sie (bis zur Begegnung mit den griechischen Helden) dargestellt wurden, denn je stärker sie galten, desto größer war der Ruhm ihrer Bezwinger.

Florence Bennett nimmt an, dass die Amazonen ursprünglich Frauen (und vielleicht auch Männer) der eingeborenen Bevölkerung der türkischen Ägäisküste (Mysien, Karien, Lykien) waren, die sich gegen die "ethnischen Säuberungen" der Griechen wehrten. Ramses II erwähnt die mysischen Frauen (verwandt mit den LydierInnen, benachbart den LykierInnen), die "beritten kämpften unter persönlicher Leitung ihrer Herrscherin" (Bertha Eckstein-Diener). Die mysische Kriegerin Hiera kämpfte im Trojanischen Krieg. Lydiens Königin Omphale weist eindeutig amazonische Züge auf. Karien wurde von kämpfenden Königinnen regiert: Artemisia kämpfte mit Xerxes gegen die Griechen, im 4. Jahrhundert v.u.Z. kämpfte Ada mit Alexander dem Großen - ihr Grab wurde vor einigen Jahren im heutigen Bodrum gefunden.

Für die antiken Schriftsteller "waren die Amazonen ebenso erfaßbar wie Ägypter, Meder, Babylonier oder ein beliebiges anderes Volk" (Manfred Hammes). Die Frage nach ihrer Existenz oder Nichtexistenz wäre ihnen albern erschienen. Einzige Ausnahmen sind, wie Manfred Hammes feststellt, solche Autoren, die damit beschäftigt waren, einen Herrscher zu überhöhen; sie mußten alles leugnen, was die Macht "ihres" Königs oder Helden geschmälert hätte.

Es stellt sich die Frage, wie wir Amazonen definieren können, um sie von den Frauen matriarchaler wie auch patriarchaler Kulturen unterscheiden zu können. Was hebt sie hervor, was macht sie auch für uns noch so interessant?

Bertha Eckstein-Diener gibt es eine recht gute Definition (wenn auch in altmodischer Sprache): "´Amazonen´ ist ein Sammelname, und zwar für kriegerische Weiberhorden mit Selbstverwaltung, deren Abneigung gegen jede eheähnliche Dauerbildung die verschiedenen Grade umfaßt."

Rosalind Miles zieht die körperliche Betätigung von Amazonen heran, um sie zu definieren: "Diese Frauen gaben durch Sport und militärische Aktivitäten ihrer körperlichen Anatomie selbstbewusst Ausdruck, was von einem viel tiefergehenden Freiheitsbegriff spricht, als ihn spätere Generationen tolerieren oder auch nur verstehen konnten. Die Traditionen variierten von Land zu Land und von Stamm zu Stamm." In diese Richtung geht auch Ruth Devime, wenn sie feststellt, dass freie Frauen ein gesundes Körperbewusstsein haben, während domestizierte ihren Körper verändern - sei es, dass sie ihre Brüste einengen, sei es, dass sie sie aufschneiden, um sie zu vergrößern.

Frauen zwischen untergehendem Matriarchat und bedrängendem Patriarchat:

Es gibt viele Vorurteile über die Amazonen. Oft heißt es, wie es Richard Fester formuliert, sie seien so männerfeindlich gewesen, "dass sie in extremen Fällen Männer im eigenen Volk nicht duldeten und schon jede männliche Geburt sofort töteten und nur Mädchen aufzogen. Um trotzdem das eigene Volk zu erhalten, ließen sie sich von Zeit zu Zeit von den Männern benachbarter Stämme besamen." Richard Fester ist der Meinung, dass diese Entwicklung "das Ende der eigentlichen Frauenherrschaft herbeigeführt oder beschleunigt" habe, "durch Emanzipation der Männer".

Ich sehe das anders. Meiner Auffassung nach stellte die Entwicklung derart extremer Amazonenvölker eine Reaktion auf das aufkommende Patriarchat dar.

Einseitige, brutale Männerherrschaft bei immer mehr Völkern übte großen Druck auf die noch egalitären Völker aus, und diese entwickelten verschiedene Methoden, sich dagegen zu wehren. Eine Möglichkeit waren rein weibliche Völker und Stämme, die Männer konsequent aus ihrer Gemeinschaft verbannten - was nicht automatisch Männerhaß bedeuten muß. Der Wunsch, das Alltagsleben ohne das andere Geschlecht zu gestalten, ist nicht automatisch Feindschaft, auch wenn patriarchale Menschen das anders sehen; es kommt immer auf die Hintergründe an.

Als immer mehr Völker die Frauen unterjochten und einsperrten, entwickelten sich als eine Art Gegengewicht kriegerische weibliche Gesellschaften. Tatsächlich waren sicher viele Frauen gezwungen, aus ihrer Heimat zu fliehen, um männlicher Gewalt und männlicher Machtanmaßung zu entgehen, und sicherlich taten sie alles, um so etwas nie wieder zu erleben. Auch Manfred Hammes sieht das so: "Die Militanz der Amazonen ist ein letzter verzweifelter Versuch, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, sich gegen eine unumgängliche, vielerorts schon vollzogene Machtverschiebung aufzulehnen. Im Umbruch vom Matriarchat zum Patriarchat sitzen sie zwischen allen Stühlen."

Diese Annahme, dass die Entwicklung amazonischer Völker die direkte Reaktion auf männliche Machtaneignung darstellt bzw. sogar durch sie ausgelöst wird, wird bestätigt durch eine Sage aus dem Orinoko-Gebiet, die Heide Göttner-Abendroth wiedergibt:

"Unter Anführung der mutigen Toeyza, Frau des Häuptlings, bildeten alle verheirateten Frauen eines Stammes den Geheimbund des Jaguars gegen die Tyrannei ihrer Ehemänner. Denn die Männer zwangen die Frauen ständig zu arbeiten und demütigten sie täglich. (Der Jaguar ist das Tier des Dunkelmonds,..., des kosmischen Richters und Rächers von allem Unrecht.) Aber der Geheimbund wurde von drei Männern belauscht, und der Jaguar, das heilige Tier, vor den Augen der Frauen getötet. Daraufhin vergifteten die Frauen ihre Ehemänner und zogen durch die Wildnis ostwärts in ein freies Land davon. Sie nahmen Lebensmittel, Hängematten und Waffen mit sich, proklamierten ihre Freiheit und nannten sich ´das Volk der Frauen´ (Worisianas). Als sie von Freunden ihrer Männer verfolgt wurden, verteidigten sie sich erfolgreich mit Pfeil und Bogen. Zuletzt ließen sie sich nieder und gründeten ihr Reich in der Sierra Parima. Toeyza wurde ihre erste Königin und erließ genau jene sozialen Gesetze, welche die Expeditionsforscher über die Amazonen herausfanden." Die Versklavung der Frauen durch die Männer war wohl noch neu. Und weil die Frauen vorher noch "in einer matriarchalen Ordnung lebten und deshalb noch Selbstbewusstsein und Tatkraft genug besaßen", konnten sie die Sklaverei verlassen. "Ihr Handeln ist dann nur folgerichtig und spiegelt den Umschlag von matriarchalen Mustern in amazonische Muster, mit denen sie sich gegen erste, brutale Patriarchalisierungsversuche von männlicher Seite wehren." (Heide Göttner-Abendroth)

Als die patriarchalen Völker über die matriarchalen und amazonischen siegten, wurde das Gleichgewicht zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit, Frauen und Männern, endgültig zerstört.

Kämpferinnen und Kriegerinnen patriarchaler Völker

Die Existenz kämpfender, kriegerischer, gut ausgebildeter Frauen - Kriegerinnen, Kriegsherrinnen, Fußvolk -, die "in eigenen Truppen und unter den normalen Soldaten kämpften" (Rosalind Miles) ist recht gut belegt. Dass Kriegführen und Kämpfen Frauen nicht völlig fremd war und ist, belegen die Berichte über Kriegerinnen und Kriegerköniginnen aus allen Teilen der Welt. Kriegerinnen, die nicht als Ausnahmen dastehen - so wie etwa in Europa immer wieder Frauen gab, die sich als Männer verkleideten und Soldat (wie die Britin Kit Cavanagh und die Russin Nadeshda Durowa) oder Pirat (z.B. Ann Bonny und Mary Reed) wurden oder Frauen wie Calamity Jane in Amerika -, sondern als Erbinnen einer alten Tradition. Es geht auch nicht um Völker, bei denen die Frauen gemeinsam mit ihren Männern ihre Heimat verteidigten - das kam häufig vor, beispielsweise bei germanischen und indianischen Stämmen - und auch keine Frauen, die als Vertreterin ihres königlichen Mannes oder Bruders männliche Armeen zu männlichen Zwecken befehligten, sondern Fälle, bei denen ersichtlich ist, dass die Kriegerin ihre aus eigenem Recht erwachsene Macht verteidigt bzw. dass sie auf eine solche Tradition zurückblickt.

Heute werden solche Frauen als "sagenhaft", "nicht bestätigt", "historisch nicht faßbar" bezeichnet und in historischen Werken verschwiegen oder zur Ehefrau eines erstaunlich blassen Königs degradiert. Wo dies nicht möglich ist, wird sie zur Ausnahme erklärt, ihre Tradition, ihre Ahninnen, auf die sie stolz zurückblicken konnte, wurden ihr gestohlen, um sie für ihre Nachkommen - männliche wie weibliche - erträglich zu machen. Gern werden historisch nicht zu unterdrückende Kriegerinnen als "wahre Amazonen" bezeichnet, um ihren Ausnahmestatus - der Schrecken, Ehrfurcht und Abneigung zusammen umfaßte - deutlich zu machen.

Diese Bezeichnung ist nicht einmal so falsch, denn sicherlich waren diese Frauen die geistigen Erbinnen der Amazonenstämme, die das Kämpfen für Frauen sozusagen "hoffähig" gemacht hatten. Wohl nicht zufällig sind die Frauen der südamerikanischen Indiostämme führend in Unabhängigkeits- und Widerstandsbewegungen.

Kämpfen und schon gar Kriegführen liegt Frauen sicherlich nicht im Blut, doch Frauen sind lernfähig und anpassungsfähig und imstande, neue Lebensweisen für sich anzunehmen und für ihre Bedürfnisse und Vorstellungen zu adaptieren; und körperlich spricht nichts dagegen, dass gut ausgebildete, trainierte und auf ihren Körper achtende Frauen es mit Männern aufnehmen. Der Unterschied in der Muskelmasse ist nicht so groß, wie getan wird, dafür haben Frauen den Vorteil der größeren Ausdauer und der Vertrautheit mit Schmerz durch die Erfahrung der Menstruation. Liegt der tiefere Grund, warum Mädchen, die in unserem real existierenden Patriarchat zutiefst gefährdet sind, noch immer nicht routinemäßig in einer Selbstverteidigungstechnik unterrichtet werden, in der Angst der Männer, den Mythos ihrer körperlichen Überlegenheit zu verlieren?

Wir wissen von einzelnen Kriegerinnen, von Heerführerinnen, von Königinnen, die Kriege führten, die in ihrem bzw. dem Interesse ihrer Völker lagen - nicht in diesen Bereich fallen Frauen, die für Männer und männliche Ziele kämpften, wie etwa Jeanne d´Arc, so beeindruckend ihre Kampfkraft und ihre strategischen Fähigkeiten auch sind - und von ganzen weiblichen Armeen.

Europa

Cynane, die Schwester Alexanders des Großen, befehligte mehrere Armeen, war maßgeblich an seinen Eroberungen beteiligt und war seine rechtmäßige Erbin. Als seine Generäle ihren Anspruch ignorierten und sein Reich unter sich aufteilten, stellte sie sich der Übermacht und kämpfte bis zum Untergang. Da sie auch ihrer Tochter Eurydike eine militärische Ausbildung zukommen ließ, ist anzunehmen, dass sie einer Dynastie kämpfender Frauen entstammte.

Telesilla, eine griechische Dichterin des 5. Jahrhunderts v.u.Z., sammelte die Frauen der besiegten Stadt Argos, bewaffnete sie und führte sie gegen die angreifenden Spartaner.

Obwohl bei den SpartanerInnen an sich nur die Männer kämpften, gab es auch einige Prinzessinnen, die eigene Frauentruppen anführten. Eine von ihnen war Arachidamia, die im 3. Jahrhundert v.u.Z. während der Belagerung von Lakonien gegen Pyrrhos, König der Molosser, kämpfte.

Bei den KeltInnen waren Kriegerköniginnen üblich. Bekannt wurden Carti(s)mandua, Königin der BrigantInnen in Nordengland, die im 1. Jahrhundert v.u.Z. gegen die Römer kämpfte, und Boadicea, Königin der keltischen Iceni in Norfolk, die dasselbe im 1. Jahrhundert n.u.Z. tat.

Medb (Maeve) von Connaught in Irland war eine gefürchtete Kriegerin; ihre Gegner weigerten sich, gegen sie zu kämpfen, wenn sie menstruierte, weil sie dann als unbesiegbar galt, auf dem "Gipfelpunkt weiblicher Kraft" (Edain McCoy). Sie war auch bekannt für ihren sexuellen Appetit; so soll sie 30 Männer in einer Nacht erschöpft haben.

Generell sind keltische Kriegerinnen gut belegt: am Festland verboten die Christen im 7. Jahrhundert n.u.Z. den Frauen, Waffen zu tragen und sich an Waffenübungen zu beteiligen. In England geschah dies 936 n.u.Z.; die Sächsinnen hatten dieses Verbot schon früher akzeptiert.

Trotz allem gab es noch in christlicher Zeit in Europa weitgehend unabhängige Kriegerinnen. Wikingerköniginnen etwa wie Olga, eine der ersten Herrscherinnen über Kiew, und die "rote Frau", Flottenführerin und Kriegerkönigin im 10. Jahrhundert n.u.Z. Sie fiel mit einer norwegischen Flotte in Irland ein und zerstörte Ulster und den Nordosten Irlands.

Grainne Mhaol (Grainne Ni Malley, Grace O´Malley), irische Prinzessin und/oder Piratin, Kriegs- und Flottenführerin gegen die englische Invasion unter Elisabeth I. Letzenendes mußte die britische Admiralität ihre Oberhoheit über die Irische See anerkennen.

In Böhmen soll im 8. Jahrhundert n.u.Z. die weibliche Leibgarde der Königin Libussa sich nach deren Tod selbständig gemacht haben, "unter der Führung einer gewissen Wlasta gelingt es diesen soldatisch ausgebildeten Frauen, eine von den Männern unabhängige Gemeinschaft zu begründen. Aufgrund ihrer Kampfkraft können sie sich über längere Zeit erfolgreich gegen die Männer behaupten" (Gerhard Pöllauer). Diese herablassend "Krieg der Mädchen" genannte Auseinandersetzung hat acht (nach anderen Quellen: 12) Jahre gedauert, bis die Männer schließlich die Frauen besiegen konnten. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht herrscht Wlasta über einen großen Teil des Landes, sie "erläßt Gesetze, nach denen es Männern bei Todesstrafe verboten ist, Waffen zu tragen; es wird ihnen vorgeschrieben, nur mit zusammengelegten Beinen, die auf der linken Seite herabhängen, zu reiten; sie müssen die Landwirtschaft und den Haushalt übernehmen, während die Frauen ins Feld ziehen; schließlich wählen die Mädchen frei ihre Ehemänner." (Samuel 1979, 53)

Afrika

In Schwarzafrika waren stets Frauen die Städte- und Reichsgründerinnen, und es gab auch viele weibliche Armeen oder gemischte Armeen unter weiblichem Befehl, so in Sansibar, Monourdapa in Südostafrika und bei den Galla; und noch vor hundert Jahren leisteten bei den Akan Frauen jenseits der Menopause gelegentlich Kriegsdienst. Bei den mit den Akan verwandten Aschanti kämpften sie als Stoßtrupp.
In Dahomey gab es professionelle Kriegerinnen; die letzten kämpften 1894 und 1898 gegen die Franzosen. 1937 lebten noch drei von ihnen. Sie galten als mutiger und rücksichtsloser als die männlichen Krieger - vielleicht, weil sie zolibatär leben mußten. Es ab aber auch verheiratete Kriegerinnen, und offenbar lebten sie zumeist lesbisch. Nzingha, Königin von Ngola (heute: Angola) und ihre Schwestern waren Kriegerinnen und trainierten eine Armee von Frauen und Männern, die stets unter weiblichem Oberbefehl stand. Sie kämpften gegen die Portugiesen.

Nachdem ihr gleichberechtigter Mitkönig ins Exil geschickt worden war, formierte Yaa Asontewa (oder Asantewa), Königinmutter der Aschanti in Ghana, den Widerstand gegen die Engländer, belagerte 1900 das englische Fort erfolgreich mehrere Monate, wurde von einer Übermacht besiegt und ins Exil geschickt. Dort lebte sie noch lange Zeit unbehelligt und geachtet.

Ranavolana I von den malaischen Merina, Madagaskar (1828 - 1861) vereinte Madagaskar, vertrieb die europäischen Missionare, verbot das Christentum, hob die Handelsverträge mit England auf, verbot den Europäern den Handel in Madagaskar, wehrte mehrere Militäraktionen ab und gründete auch noch eine weibliche Dynastie.
Amina, auch Aminatu genannt, die älteste Tochter der Königin Turunku und nach ihr Königin des Hausa-Imperiums in West- und Zentralafrika (also in einer matrilinearen Tradition stehend), regierte von 1536 bis 1573, erweiterte die Landesgrenzen bis zur atlantischen Küste, gründete Städte, baute Handelsrouten aus, ließ die Cola-Nuß anbauen und führte eine zwanzigtausendköpfige Armee.

Pampa von den Bidyogo (Bissaos-Inseln, Westafrika) führte den Widerstand gegen die Portugiesen.

Kahina, Königin der vereinten Berberstämme im Atlas-Gebirge, war eine hervorragende Strategin. Satawnata führte eine große Armee gegen die Araber und dehnte ihr Reich bis Marrakesch aus. Bikoum-Kadi, die "blaue Königin des Sudan", einte die rivalisierenden Stämme und bekämpfte den Herrscher des Songhai-Reichs.

Naher Osten

Die altlibyschen Stämme wurden unter dem Druck patriarchaler Völker (Ägypter, Phönizier, Römer, Christentum) in die Wüste gedrängt, ihre Königinnen wurden zu Kriegerinnen, fast bis in die Gegenwart. Eine von ihnen war als Streitwagenkämpferin bekannt, sie fiel in der Schlacht von Sagunt, 218 v.u.Z., als sie mit ihren Leuten mit Hannibal gegen die Römer kämpfte.

In Arabien hielten sich kämpfende Frauen bis in islamische Zeiten. Frühe Beispiele sind Schamsi, Yati´e, Teelchunu, Zabiba, Fürstinnen zentral- und nordarabischer NomadInnenstämme, die um 730 v.u.Z. gegen die Assyrer kämpften.

Der Stamm der Koreshiten hatte seit jeher Fürstinnen, die den Titel Hind-al-Hunud, "Hirschkuh der Hirschkühe", führten. Die letzte führte im 7. Jahrhundert n.u.Z. den Kampf gegen die gewaltsame Islamisierung. Sie führte Schlachten gegen Mohammed und organisierte den Widerstand.

Doch auch auf der Gegenseite kämpften Frauen mit der Waffe, so Salaym Bint Malhan, die hochschwanger und schwerbewaffnet mit Mohammed und seinen Leuten kämpfte.

Die Kreuzfahrer stießen auf eine weibliche Ritterschaft, die eigene Truppen befehligten und in Schuppenpanzern und zu Pferd kämpften; 633 n.u.Z. besiegte ein solches weibliches Heer die Byzantiner. Eine arabische Prinzessin, die mohammedanische Ritter zum Sieg über eine byzantinische Armee führte, war Khawlah al-Azwar al-Kindiyyah.

Im 6. Jahrhundert v.u.Z. war Tomyris Königin der Massageten (im heutigen Iran). 529 v.u.Z. bedrohte Cyrus (Kyros) der Große von Persien die Massageten (er hatte von ihrer "Weiberherrschaft" gehört und nahm fälschlicherweise an, leichtes Spiel zu haben), worauf Tomyris ihm einen Boten sandte. "´König der Meder, beende dieses Unternehmen (...). Begnüge dich damit, in Frieden dein eigenes Königreich zu regieren, und ertrage es, dass wir über die Länder herrschen, die wir zu lenken haben.´" (zit nach Elizabeth Gould Davis) Nach dem Tod ihres Sohnes im Kampf führte Tomyris ihre Armee selbst in die Schlacht gegen Kyros und besiegte ihn. Dabei starben angeblich 200.000 Perser; laut Herodot war es die gewaltigste, die je unter nicht-griechischen Völkern stattgefunden hatte. Auch Kyros fiel, denn als Tomyris vom Tod ihres Sohnes erfuhr, schlug Tomyris ihm den Kopf ab und steckte es in einen mit Menschenblut gefüllten Sack, "damit er endlich seinen Blutdurst stille" (Bertha Eckstein-Diener). Trotz dieses Berichts von Herodot heißt es häufig, es sei nicht bekannt, wie Cyrus starb.

Tomyris wird ausdrücklich als "Amazone" bezeichnet (vielleicht schon im heutigen Sinne, "eine wahre Amazone", wer weiß), und ist vermutlich die Urform von Satana, der ossetischen "Mutter des Volkes, seine Gestalterin, von der alles ausgeht, bei der alles zusammenläuft. Nichts geschieht ohne ihr allwissendes Zutun. Die männlichen Haupthelden" des Nationalepos der Osseten, "Soslan und Batradz gleichen Marionetten, die jederzeit austauschbar oder verzichtbar sind" (Manfred Hammes). Für Frauen und Männer der Massageten galt es als ehrenvoll, im Kampf zu sterben.

Zenobia war der Titel der jeweiligen Herrscherin von Palmyra. Zenobia Septimia im 3. Jahrhundert v.u.Z. leistete den Römern kompromißlos Widerstand, gewann Arabien, Armenien und Persien als Verbündete, eroberte Kleinasien und beanspruchte sogar Ägypten. Kaiser Claudius fürchtete sie, und erst sein Nachfolger Aurelian eroberte mehrere Länder zurück und schließlich auch Palmyra.

Sammuramat (griechisch: Semiramis) war eine assyrische Königin des 8./9. Jahrhunderts v.u.Z., die nicht nur Babylon gründete und 42 Jahre Assyrien regierte, sondern auch Eroberungszüge bis Nubien und Indien unternahm.

Asien:

Asien erzählt kaum von Kriegerinnen und Kämpferinnen, doch seine Frauen waren und sind nicht feige oder schwach. In Vietnam organisierten die Schwestern Trung Trac und Trung Nhi im 1. Jahrhundert v.u.Z. die Revolte der Bauern gegen die chinesischen Besatzer. Dank ihnen war Vietnam zum erstenmal seit tausend Jahren frei von chinesischer Herrschaft. "Trung" ist das vietnamesische Wort für "Amazone".

Aus China haben wir zwar keine derartigen Überlieferungen, doch es muß vor Jahrtausenden kämpfende und hoch geachtete Frauen gegeben haben. Das chinesische Schriftzeichen "We, ´Ehrfurcht´", ist "aus ´Frau´ und ´Lanze´ zusammengesetzt ..., die Frau also als Kriegerin charakterisiert" (Tscheng-Tsu Schang).

Sagen:

Auf der ganzen Welt gibt es Sagen über Frauen, die gegen Männer (meist getarnt als der aktuelle Feind des Volkes) kämpfen und die lieber in den Tod gehen, als sich zu ergeben. Diese Geschichten erzählen natürlich nicht von Amazonen, doch sie wahren die Erinnerung an Frauen, die noch die amazonischen Tugenden der Aktivität und Selbstbestimmung lebten. In Westafrika, in Indien und im Jemen gibt es die erstaunlich gleichlautende Sage, dass Männer und Frauen gegeneinander Krieg führten, die Männer gewannen und den Frauen ein Waffenverbot auferlegten, dann würden sie Frieden halten. Einige Frauen trauten dem nicht und erfanden ein Musikinstrument, bestehend aus Pfeil und Bogen und einer Kalebasse, das jederzeit als Waffe verwendet werden konnte.

Fazit

Egal, ob wir an die historische Existenz von Amazonenvölkern glauben oder sie für eine Erfindung halten, und egal, ob wir ihren Lebensstil für erstrebenswert und nachahmenswert halten, wir können sie als Vorbild für ein neues, selbstbestimmtes Leben nehmen - ein Sinn und Zweck eines Mythos und erst recht der Geschichte.

Amazonen lebten ganz unbekümmert und selbstverständlich eine Weiblichkeit, die wir uns erst wieder erarbeiten müssen.

Weiblichkeit war aktiv, Frauen waren aktiv. In den frühen Matriarchaten war das selbstverständlich, in der Umbruchsphase zum Patriarchat war es nicht mehr so selbstverständlich, und in Reaktion auf die patriarchale Umgebung - die ihre Probleme mit selbstbewussten, freien, autonom lebenden und aktiv handelnden Frauen hatte - wurden die Amazonen (wie immer sie sich selbst genannt haben) nicht nur aktiv, sondern kämpferisch.
Vermutlich ist es auch gar nichts anderes übriggeblieben, wollten sie sich nicht ergeben und untergehen.
Die Kämpferinnen und Kriegerinnen späterer Zeiten kämpften bereits teilweise für männliche Zwecke und in männlichem Interesse - es wird unmöglich gewesen sein, Politik und eigenständiges Leben auseinander zu halten -, doch sie wahrten zumindest das Recht auf körperliche Freiheit, das Recht, sich und andere zu verteidigen, das Recht, ihre Interessen und Ansichten offensiv zu vertreten, das Rech, über ihre Sexualität und ihre Liebesbeziehungen selbst zu entscheiden - das Recht, ihren Lebensstil selbst zu bestimmen, unabhängig von den Forderungen und den Meinungen anderer.

Diese Rechte haben wir uns nehmen lassen, teilweise ohne Gegenwehr - es liegt an uns, sie uns zurückzuerobern und Aktivität, Autonomie und die Freiheit, ganz einfach wir selbst zu sein, als uns zustehenden Lebensstil zu beanspruchen und anzunehmen. Frauen wie Klytemnästra, Myrine, Nzingha, Asantewa, Ranavolana, Maeve, Ada und Toeyza können dabei Vorbild und Beispiel sein, Mut machen und inspirieren.

Dieser Text stammt aus dem Nachlass von Irene Fleiss.

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